Es ist wichtig, dass wir uns an die Gräueltaten und Morde der Nazis erinnern, die während des dritten Reiches nicht nur, aber von allem an Jüdinnen und Juden begangen wurden. Und genauso wichtig ist, denen die anders denken zu sagen, das Nationsozialismus, Faschismus und Rassismus weder salonfähig oder eine Meinung, sondern ein Straftat ist.
Und genau deswegen soll an dieser Stelle Julius Hirsch erwähnt werden, der am 7. April 1892 in Achern geboren wurde. Hirsch wurde im März 1943 nach Ausschwitz-Birkenau deportiert und an einem unbekannten Tag getötet. 1950 wurde er rückwirkend zum 8. Mai 1945 für tot erklärt.
Vor der Machtergreifung der Nazis spielte Hirsch in Karlsruhe für den Karlsruher FV und den Turnclub 03 Karlsruhe, zwischendurch spielte er auch für die SpVgg Fürth und spielte zwischen 1911 und 1913 siebenmal für die Deutsche Nationalmannschaft. Für den Turnclub Karlsruhe und F.A. Illkirch-Graffenstaden war Hirsch auch als Trainer tätig. Hirsch war der jüngste von vier Söhnen und eines von sieben Kindern. Er wurde geboren, während seine Mutter in der Heil- und Kuranstalt Illmenau war. Sein Vater kam aus einer Bauernfamilie, Julius Hirsch war gelernter Kaufmann und arbeitete bis 1912 bei der Lederhandlung Freud und Strauss in Karlsruhe.
Als der deutsche Fußball noch ganz am Anfang war, gehörte der Karlsruher FV zu den stärksten und besten Mannschaften. Zwischen 1901 und 1905 gab es keinen anderen Meister als den KFV. Und eben dort spielte auch Julius Hirsch. 1909, Hirsch war damals 17 Jahre alt, durfte er für seine Mannschaft zum ersten Mal von Beginn an ran. Er traf direkt in seinem ersten Einsatz und war für Trainer William Townley ab sofort nicht mehr wegzudenken. 1910 wurde Hirsch mit seinen Karlsruher durch einen 1:0-Sieg im Finale gegen Holstein Kiel sogar deutscher Meister. Ein Kunststück das Hirsch auch 1911 und 1912 gelingen sollte. Kein Wunder, das Hirsch kurz darauf das Trikot mit dem Adler tragen sollte. Sein Debüt ging zwar mit 1:4 gegen Ungarn verloren, beim 5:5 gegen die Niederlande in Zwolle gelangen ihm aber vier Tore. Diesen Rekord teilt er sich bis heute mit Miroslav Klose.
Für Zeitzeugen war das 5:5 gegen die Elftal eines der besten Länderspiele eines der besten Spiele vor dem ersten Weltkrieg. Diesem 5:5 hat Hirsch wohl auch seinen Einsatz beim olympischen Fußballturnier 1912 in Stockholm zu verdanken. Bei diesem Turnier kam Hirsch auf zwei von drei deutschen Partien.

Da war Hirsch schon Einjährig-Freiwilliger im Badischen Leib-Grenadier-Regiment Nr. 109. Einjährig Freiwillige wurden nach ihren Wünschen eingesetzt und konnten den Wehrdienst um zwei Jahre verkürzen. Danach zog Hirsch nach Nürnberg und nahm einen Job in der Spielwarenfabrik Gebrüder Bing AG an. Ob wegen der Liebe oder wegen seinem ehemaligen Trainer, der inzwischen in Fürth tätig war, ist jedoch nicht mehr bekannt. In Fürth kam er nicht nur auf drei weitere Länderspiele, sondern auch auf einen weiteren Meistertitel.
Während des ersten Weltkrieges war Hirsch an verschiedenen Kriegseinsätzen beteiligt, war Vizefeldwebel und wurde mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Ehe er nach Karlsruhe zurückkehrte arbeitete Hirsch wieder bei seinem alten Arbeitgeber in Nürnberg. Im April 1919, damals wieder in Karlsruhe arbeitete er in Deutschen Signalflaggenfabrik seines Vaters. Es wurden nicht nur Uniformen, sondern auch Sportartikel und Lederwaren produziert. Hirsch war damals als weltweite Marke für Lederbälle bekannt. 1925 beendete er seine aktive Fußballerkarriere. Er versuchte sich dann als Trainer, kam dort aber trotz seiner Kontakte, sein ehemaliger Mitspieler Ivo Stricker war inzwischen FIFA-Generalsekretär, nicht mehr zum Zuge.

Er arbeitete als Handelsvertreter, als Hilfsbuchhalter in der jüdischen Zellstoff- und Papierfabrik Vogel & Schnurmann und nach der „Arisierung“ der Papierfabrik als Holzschäler. Danach versuchte er, auch vergeblich, in der Schweiz als Trainer weiterzuarbeiten.
1933 wurden alle jüdischen Mitglieder aus den Sportverein ausgeschlossen, deswegen trat er aktiv beim Karlsruher FV aus. Das sein Leben in Gefahr war, wollte der kaisertreue ehemalige Frontsoldat nicht wahrhaben. Als er es dann doch merkte, war es zu spät. 1938 besuchte er Verwandte in Frankreich und scheiterte auf der Rückreise mit einem Suizidversuch. Um sich vor einer Verfolgung zu schützten, verließ seine Frau gemeinsam mit dem Sohn ihren Ehemann. Der Schutz einer privilegierten Mischehe galt für Hirsch dann nicht mehr. Daraufhin wurde Hirsch von der Stadt Karlsruhe als Hilfsarbeiter zwangsverpflichtet.
1943, da war Hirsch 50 Jahre alt, wurde ihm von der Gestapo mitgeteilt, dass er für einen „Arbeitseinsatz“ den Hauptbahnhof aufsuchen sollte. Stattdessen wurde Hirsch nach Ausschwitz-Birkenau deportiert. Seine letzte Spur war eine Postkarte, die am 3. März in Dortmund abgestempelt wurde. Er soll gemeinsam mit 1.500 anderen Deportierten in Ausschwitz angekommen sein, namentlich registriert wurde er allerdings nicht. Heute geht man davon aus, dass alle nicht namentlich genannten Juden direkt vergast wurden.
Seine beiden Kinder durften als „Mischlinge ersten Grades“ bereits 1938 die Schule verlassen und ab 1941 einen Judenstern tragen. Sie wurden am 14. Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert, konnten aber am Tag der Befreiung durch die Rote Armee gerettet werden. Am 16. Juni 1945 kehrten beide nach Karlsruhe zurück.
Nach Julius Hirsch ist ein Preis des Deutschen Fußball-Bundes benannt, der Menschen für ihr Engagement für Toleranz und Menschenwürde und gegen Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus auszeichnet. In Berlin wurden die Sportplätze am Eichkamp nach Hirsch benannt, der jüdische Fußballclub TuS Makkabi Berlin träft dort seine Heimspiele aus. Im Karlsruher Stadtteil Weiherfeld-Dammerstock befindet sich auf der Murgstraße 7 ein Stolperstein. In Pfinztal-Berghausen wurde eine Sporthalle nach dem mehrfachen deutschen Meister benannt, dazu gibt es in Karlsruhe einen Julius-Hirsch-Weg, in Fürth ein Julius-HIrsch-Sportzentrum und in Dortmund findet jedes Jahr eine Gedenkstunden am Ort seines Lebenszeichens statt.
Ruhe in Frieden, Julius Hirsch.
